Bibelarbeit Matthäus 20, 1-16: Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, 09. Juli 2015

Die Botschaft dieses Gleichnisses bringt uns in das Zentrum des Herzens Gottes. Wir erfahren, wie Gott denkt, was Gott will und wie Gott handelt. Der Theologe Ernst Fuchs bezeichnet dieses Gleichnis als den Höhepunkt des Matthäusevangeliums.

 

01. Frage: Was ist der größte Fehler der ersten Arbeiter? Was vermissen wir am Stärksten bei ihnen?

 

AW: Sie können sich nicht darüber freuen, dass die Teilzeit-arbeitskräfte, vor allem die, die nur eine Stunde gearbeitet haben, nun auch für sich und ihre Familien genug zum Leben für den nächsten Tag haben. Sie sehen nur sich!

 

02. Unser Gleichnis ist gerahmt von einem Spruch – nur in umkehrter Reihenfolge: 19,30 und 20,16 a (lesen).

 

Letzte, das waren nach damaliger Vorstellung die Kinder. Deshalb reagierten die Jünger auch entsprechend, als die Mütter ihre Kinder zur Jesus bringen wollten. Jesus machte die Kinder zu Ersten. Das war eine totale Umkehrung!

 

Erster, das war ganz sicher der Reiche Jüngling mit seiner gesellschaftlichen Stellung und seiner religiösen Biografie.

 

Als Jesus ihm zeigte, woran sein Herz wirklich hängt, wurde er plötzlich zum Letzten. Traurig ging es weg. Jesus sagte daraufhin: Es ist schwer, dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt!

 

Letzte, das war ganz sicher die jungen Fischer am See Genezareth. Sie gehörten nicht zu den Privilegierten der jüdischen Gesellschaft. Der Ruf Jesus und dass sie diesem Ruf gefolgt waren, machte sie zu Ersten. Sie hatten alles verlassen und alles auf die eine Karte Jesus gesetzt. Sie durften den Sohn Gottes auf seinem Weg in Palästina begleiten. Sie erlebten das gewaltige, überraschende und neue Handeln Gottes in Jesus hautnah mit. Sie standen in der ersten Reihe. Sie waren die ersten Zeugen. Das war ein gewaltiges Vorrecht.

 

Und diese Ersten fragen nun nach den deutlichen Worten von Jesus zum Reichen Jüngling völlig bestürzt: Hey Jesus, wir haben alles verlassen und sind dir gefolgt – was werden wir dafür bekommen? Ein Platz im Himmel wird doch wohl drin sein – oder?

 

Jesus bestätigt die besondere Stellung seiner Jünger, er sagt ihnen sogar einen hundertfachen Lohn zu, vor allem aber das ewige Leben als Geschenk, als Gabe Gottes.

 

Gleichzeitig warnt Jesus indirekt seine Jünger: Passt auf, dass ihr als Erste nicht Letzte werdet und andere euren Platz einnehmen. Hört auf, mit Gott zu handeln und ihm eure Rechnung zu präsentieren: Wir haben alles verlassen und uns dir völlig und ganz zur Verfügung gestellt – was kriegen wir dafür? Leitet daraus keine Vorrangstellung ab – Gott hat euch gerufen und ihr seid seinem Ruf gefolgt – mehr nicht!

 

Es ist die Haltung des älteren Sohnes im Gleichnis vom Verlorenen Sohn: Er kann sich nicht über die Rückkehr seines jüngeren Bruders freuen. Er kann sich auch nicht über sein Zuhause beim Vater freuen. Im Gegenteil: Er macht dem Vater Vorwürfe. Dem, der dein Geld, sein Erbe verprasst hat, für den machst du eine riesige Party und feierst den auch noch. Und mir, der ich dir immer treu gedient habe, hast du nicht mal einen netten Abend mit meinen Freunden organisiert. Das ist ungerecht – du bist engerecht!!

 

Er ist die Haltung des frommen Pharisäers, der Gott im Tempel im Gebet seine frommen Leistungen vorhält und sich von dem sündigen Zöllner, der dort seine Sünden bekennt, deutlich distanziert. Jesus sagt: Der selbstgerechte Pharisäer ist der Letzte geworden und der sündige Zöllner ist der Erste, weil er verstanden hat, worauf es bei Gott ankommt.

 

Ich sage zum Nachdenken: Vielleicht stehen in dieser Gefahr die Menschen, die christlich erzogen wurden und so in den Glauben hineinwuchsen. Denen Kirche und die Mitarbeit in der Kirche selbstverständlich geworden sind. Die sich auch deutlich von Menschen außerhalb der Kirche unterscheiden.

 

Die wissen, wie der kirchliche Laden läuft, und dafür auch viel Kraft, Zeit und Geld investiert haben. Und daraus –bewusst oder unbewusst- gewisse Sicherheiten und Ansprüche gegenüber Gott und auch anderen Menschen markieren. Sie betrachten oft die Gemeinde als ihr Eigentum und können es nicht ab, wenn Neuerungen gegen ihren Willen umgesetzt werden. Aber längere Zugehörigkeit und intensive Mitarbeit bedeuten nicht automatisch eine Vorrangstellung, hinter der alle anderen zurückzustehen haben.

 

Letzte waren die Ganztagsarbeiter in unserem Gleichnis nicht, weil sie als Letzte ihr Geld oder zu wenig Geld bekamen! Sie haben ja den vereinbarten Lohn erhalten. Letzte waren diese Ersten deshalb, weil sie den gütigen Arbeitsherrn nicht erkannt und verstanden hatten. Sie konnten auch nicht für diese Großzügigkeit des Arbeitsherrn gegenüber anderen dankbar sein und sie konnten sich darüber auch nicht freuen. Das ist ihr ganz tiefes Problem. Sie haben ein böses Auge, wie es wortwörtlich heißt, und können das Gute nicht sehen.

 

Martin Luther hat einmal gesagt: „Damit, dass Gott spricht: ‚Der Erste soll der Letzte sein’, nimmt er dir alle Vermessen-heit. Damit aber, das er spricht: ‚Der Letzte soll der Erste sein’, wehrt er dir alle Verzweiflung.“

 

03. Das Himmelreich gleicht….


Das heißt, mit einem irdischen Beispiel wird ausgesagt, wie es im Himmelreich zugeht bzw. zugehen wird. Wie ist das Himmelreich? Was zählt in Gottes neuer Welt? Welches Profil hat das Reich Gottes? Welches Verhalten entspricht dem Königreich der Himmel? Jesus benutzt dafür Bilder, die die Menschen verstanden. Mit diesem Gleichnis dürfen wir einen tiefen Blick dafür gewinnen, wie es in Gottes Reich zugeht und zugehen wird.

 

04. Zum Gleichnis:

 

Der Wein reift in Palästina gegen Ende September. Dann müssen die Trauben schnell geerntet werden, weil wenig später die Regenzeit beginnt. Deshalb werden für wenige Tage viele Arbeiter benötigt.

 

Der Marktplatz war so etwas wie ein Arbeitsmarkt. Hier wurden viele Arbeitsverhältnisse geschlossen. In der Regel standen dort Tagelöhner, das war die niedrigste Klasse der Arbeitenden, deren Leben sehr unsicher war. Sie waren auf mehr oder weniger zufällige Arbeitsaufträge angewiesen. Sie wussten nie, ob sie abends einen Silbergroschen in der Tasche hatten und ihre Familie am nächsten Tag ernähren konnten.


Morgens ganz früh schließt der Weinbergbesitzer mündlich einen Vertrag mit den Arbeitern ab. Einen Silbergroschen für 12 Stunden Arbeit. Dann holt er um 9, um 12 und um 15 Uhr weitere Arbeitskräfte und will sie angemessen bezahlen. Das reicht zwar nicht für den nächsten Tag, aber es ist mehr als nichts. Sogar um 17 Uhr holt er noch Arbeitskräfte. Es wird gar nicht erst über die Bezahlung gesprochen. Die Bezahlung für eine Stunde ist nicht die Rede wert.

 

Jetzt kommen wir zum Höhepunkt des Gleichnisses – der Lohnauszahlung: Sie soll noch am Abend des Arbeitstages erfolgen. Es gab eine Pflicht zur Lohnauszahlung: 5. Mose 24, 14-15. Die Erklärung liegt auf der Hand. Die Familie lebte von der Hand in den Mund, sprich von einem Tag zum anderen.

 

Gab es keinen Lohn, gab es auch nichts zu Essen.

 

Die Teilzeittageskräfte bekommen vom Weinbergbesitzer den vollen Tageslohn. Sofort blitzte die Gier in den Vollzeittage-löhnern auf: Dann kriegen wir logischerweise ja mehr – dann kann ich mir endlich….

 

Nichts da, alle erhalten den gleichen Lohn. Enttäuschung macht sich breit, was nur verständlich ist. Und so funktioniert es ja im Leben auch nicht: Kein Unternehmen würde die Formel „1 Stunde Arbeit = 12 Stunden Lohn überleben. Wir haben unsere Arbeitswelt tariflich geregelt: 1:1, Lohn gegen Leistung, 1 Jahre Arbeit = 32 Tage Urlaub usw. Das haben Gewerkschaften und Arbeitsgeberverbände vereinbart, das gibt Sicherheit, wir sind nicht abhängig von der zufälligen Güte und Großzügigkeit eines Firmeninhabers. So läuft das Leben, so muss es laufen, wenn es funktionieren soll.

 

Und wir meinen oft genug, dass es auch im frommen Bereich so liefe: Meine Frömmigkeit gegen das Heil und den Segen Gottes. Aber wenn wir ehrlich sind, dann können wir uns mit nichts, was wir leisten können, das ewige Leben verdienen. Wenn Gott gerecht wäre, dann wären wir alle verloren.

 

Deshalb spricht unser Gleichnis von „Gottes beglückender Ungerechtigkeit“. Gott ist kein Pfennigfuchser, kein klein-licher Rechner, der alles penibel auflistet und uns einmal die Rechnung präsentiert. Und es gibt die Unlogik des Himmel-reiches: Wir bekommen alles geschenkt, wenn wir Gottes Gabe in J.C. im Glauben annehmen. Und wer beschenkt ist, muss auch nicht mehr mit Gott rechten und einen geistlichen Handel treiben. Wie könnten wir auch als Geschöpfe mit Gott handeln und ihn zur Rechenschaft ziehen wollen (Römer 9,20)?

 

Unser Gleichnis will unser Gottesbild nicht billiger, aber gütiger und großzügiger machen:

 

Klar klingt das fast patzig, wenn Jesus Gott sagen lässt:

 

„Kann ich mit dem, was mir gehört, etwa nicht das machen, was ich will?“ Gott ist souverän. Wir haben Gott nichts nachzurechnen oder vorzuwerfen. Das ist auch gar nicht nötig,

 

weil Gott es gut mit uns meint. Als Christen sind wir durch Jesus mit Gott versöhnt, wir dürfen ihm vertrauen. Da hat alles Misstrauen keinen Platz mehr. Es würde die Großzügigkeit Gottes nur hinterfragen. Alle unsere Maßstäbe für Lohn und Gerechtigkeit versagen hier, denn es liegt alles an Gottes tiefem Erbarmen. Wo alle Christen nur von der Güte Gottes leben, hört alles Murren auf, und man freut sich miteinander darüber, dass Gott so gütig ist.

 

Wie denkt ihr darüber? Wo sind Fragen geblieben?

 

Was könnte das für unser Miteinander bedeuten, dass im R.G. eine andere Formel herrscht, als ‚wie du mir so ich dir’?


Friedemann Kretzer, Bordesholm