Rückblick Seminar "Menschen auf der Flucht"

"Menschen auf der Flucht" - so lautete das Themen des ersten Jubi-Seminars unter Leitung von Friedemann Kretzer vom 20. bis 22. Februar 2015 in Slate. 15 Personen hatten sich angemeldet, dazu kamen noch zwei Referenten. Am Freitagabend ging es nach einem fantastischen Abendessen und einem ersten Kennenlernen gleich los: Reza, ein Iraner, war vor ca. 1,5 Jahren über Italien nach Deutschland geflüchtet. In einem ausführlichen Gespräch informierte er die Teilnehmenden über die Gründe, die Vorbereitungen und den Verlauf seiner Flücht. Er schilderte auch die großen Schwierigkeiten in den ersten Monaten hier in Deutschland. Einsamkeit und schlechte Mobilität bestimmten diese Zeit. Durch den Kontakt zu einem Freundeskreis für Asylsuchende und zu christlichen Kirchengemeinden stabilisierte sich seine Situation. Es war ein beeindruckender Bericht.


Anschließend wurden Speed-Datings durchgeführt. Jeweils zwei Teilnehmende trafen sich 2 Minuten zu einem Gespräch. Darin tauschten sie sich intensiv über einschläge Fragen, wie "Wir können nicht alle Flüchtlinge aufnehmen! - Was ist deine Meinung?" zum Thema aus. Mit einem Abengebet wurde der Tag beendet.

Am Samstag war Ralf Göttlicher, Trainer und Projektkoordinator aus Schwerin, bei uns zu Gast. Er führte uns in das interkulturelle Training ein. Dabei ging es um das interkulturelle Miteinander (wie Menschen unterschiedlicher Herkunft in einer Gemeinde/Stadt zusammenleben können), um die Sensibilisierung für kulturelle Unterschiede (die Rollen von Mann und Frau in den unterschiedlichen Kulturen) und um Techniken des interkulturellen Umgangs (wie man als Mann eine muslimische Frau richtig begrüßt). Am frühen Nachmittag hatten wir das Gefühl, dass aufgrund der ausgezeichneten Vermittlung durch den Referenten unsere interkulturelle Kompetenz gesteigert worden war.

 

Am Samstagnachmittag war dann die Flüchtlingsbeauftragte der Nordkirche, Pastorin Dietlind Jochims, als Referentin in unserer Mitte. Sie schilderte eindrücklich das Schicksal der 51,3 Millionen Flüchtlinge weltweit. Ca. 34 Millionen Flüchtlinge sind in ihren Ländern auf der Flucht unterwegs, ca. 17 Millionen flüchten ins Ausland. Verfolgung, wirtschaftliche Not, Naturkatastrophen und bewaffnete Konflikte sind Fluchtgründe. Da es kaum legale Fluchtwege gibt, müssten viele Flüchtige illegale Fluchtwege beschreiten und sich Schlepperbanden anvertrauen, von denen sie häufig ausgebeutet und im Stich gelassen würden. Im zweiten Teil ihrer Ausführungen erläuterte die Flüchtlingsbeauftragte die Notwendigkeit der freundlichen Annahme und Hilfe für Flüchtlinge durch Personen und Kreise. Sie schilderte dabei die Schwierigkeiten, mit denen Asylbewerber zu kämpfen haben. Sie bekämen z.B. Termine bei Behörden, die sie von ihrer Unterkunft aus mit öffentlichen Mitteln nicht rechtzeitig wahrnehmen könnten. Flüchtlinge würden aufgrund von verwandtschaftlichen Beziehungen, Sprachkenntnissen und hohen Integrationschancen in ein bestimmtes Land ziehen wollen. Das würde ihnen aber durch das Dublin-Abkommen verwehrt, das regele, dass Flüchtlinge in dem Land einen Asylantrag stellen müssen, in dem sie zuerst ankommen. Sie betonte, dass das Flüchtlingselend politisch gelöst werden müsse.

Am Abend wurde ein Gottesdienst zum Thema für die Kirchgemeinde Slate vorbereitet. Anschließend sahen die Teilnehmenden den Film "Deine Schönheit ist nichts wert". Der Film schildert den Kampf des 12jährigen Kurdenjungen Veysel, der mit seiner Familie aus der Türkei nach Österreich geflüchtet ist und dort einen existenziellen Kampf in der Schule und in der Familie zu kämpfen hat. Der Samstag wurde mit einem Abendgebet von Volker Golm beendet.

 

Am Sonntagmorgen gestalteten die Teilnehmenden den Gottesdienst der Kirchgemeinde. Darin wurde die Flucht von einzelnen Menschen in der Bibel und die Flucht des Volkes Israel mit heutigen Flüchtlingsbewegungen verglichen. Dabei haben die Flüchtigen immer wieder die Nähe und Hilfe Gottes erfahren. Zur Erinnerung daran richteten sie Altäre auf und gaben den Orten einschlägige Namen, z.B. Bethel = Haus Gottes. Im Alten Testament wird aufgrund der Erfahrungen des Volkes Israel als Sklaven in Ägypten das Recht der Fremdlinge besonders betont. Es heißt im Gesetz Israels: Der Fremdling soll bei dir wohnen wie ein Einheimischer und du sollst ihn lieben wie dich selbst. Und Jesus sagt im Matthäusevangelium ganz deutlich: Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich, Jesus, identifiziert sich also total mit den Notleiden und erwartet unsere Hilfe. Was wir den Notleidenden geben, geben wir ihm. Das ist höchste Verpflichtung, der wir aus Liebe nachkommen sollten.


In der Schlussreflexion wurden alle Seminareinheiten und der Informationsgehalt aller Beiträge positiv hervorgehoben. Das Seminar hatte tiefe Einblicke in die Flüchtlingsproblematik gewährt. Deshalb wurde auch der enge Zeitplan nicht als Belastung empfunden. Ein besonderer Dank gilt deshalb den Referenten des Seminars wie auch dem Team des Pfarrhauses in Slate, das für sehr gutes Essen und eine gute Atmosphäre gesorgt hatte.


Friedemann Kretzer


Kommentar schreiben

Kommentare: 0