Profis geben Einblicke in die Politik hinter den Kulissen

„Politik hinter den Kulissen“ lautete das Thema beim Seminar des CVJM Brückenschlag Nord-Ost am 2. Adventswochenende im Sunderhof unter Leitung von Sigrid Müller und Friedemann Kretzer


Drei Gäste aus Politik und Verwaltung berichteten über ihre Erfahrungen „hinter den Kulissen“.


Dr. Ralf Stegner, MdL, SPD-Partei- und Fraktionschef im Landtag in Schleswig-Holstein benennt gleich am Beginn eine der Basiskompetenzen, die man als Politiker braucht: Man muss verlieren können und das unter den Augen der Öffentlichkeit. 


Am Beginn seiner politischen Kariere war es wichtig, dass es Menschen gab, die ihm etwas zugetraut haben, weiß er zu berichten als er nach Mentoren gefragt wird. Allerdings hat er nie Mentoren in dem Sinne gehabt, dass er von ihnen in eine bestimmte Richtung gedrängt wurde.


Mittlerweile legt er sich auch schon mal mit der Parteibasis an, wenn es um die Sache geht. Als SPD-Fraktionschef ist es seine Aufgabe die Landeslisten für die Landtags- und Bundestagswahlen zusammenzustellen. Die Parteibasis in den Regionen erwartet, dass die jeweilige Region vertreten ist. Unterbreitet eine Region jedoch einen wenig zukunftsweisenden Kandidatenvorschlag, dann berücksichtigt er diesen Vorschlag nicht. Das führt dann dazu, dass er selbst bei parteiinternen Wahlen dafür abgestraft wird. Das muss man aber aushalten, denn Führen bedeutet eben nicht den Leuten nach dem Munde zu reden, gibt Stegner zu bedenken.


Insgesamt bedeutet eine Führungsposition in der Politik, dass man einiges aushalten muss und dass man einsam ist. 

Gruppenbild mit Referenten, Jubi-Sem. 5.-7.12.2014, Fordere Reihe: 1. von links: Ralf Stegner, 4. von links: Andreas Tietze 2. von rechts: Thomas Castens.
Gruppenbild mit Referenten, Jubi-Sem. 5.-7.12.2014, Fordere Reihe: 1. von links: Ralf Stegner, 4. von links: Andreas Tietze 2. von rechts: Thomas Castens.


Dr. Andreas Tietze, MdL, ist in Doppelfunktion zum Sunderhof gekommen - als Präses der Synode der Nordkirche und stellvertretender Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen im Landtag von Schleswig-Holstein.


In der Politik geht es nicht immer fair zu. Sind dann nicht diejenigen im Nachteil die nicht mitmachen bei Intrigen? Kurzfristig, so weiß Tietze zu berichten, können sich Politiker, die mit unfairen Mitteln kämpfen, durchaus Vorteile verschaffen, langfristig aber zahlt sich Fairness aus.


Christen unterschiedlicher Parteien arbeiten bei bestimmten Themen durchaus zusammen, etwa als es um den möglichen Gottesbezug in der Landesverfassung ging. Am Schluss hat aber weder der CDU-Antrag für einen Gottesbezug, wie ihn das Grundgesetz kennt, noch der fraktionsübergreifende Kompromissvorschlag von Christen die nötige Mehrheit gefunden.


Bei Gewissensentscheidungen macht er allerdings keine Kompromisse und lässt sich auch nicht von seiner Fraktion disziplinieren. Allerdings sind Gewissensentscheidungen im Landtag sehr selten, denn Entscheidungen, etwa zu Sterbehilfe und Bundeswehreinsätzen werden vom Bundestag getroffen, so Tietze.


Thomas Castens arbeitet jetzt im Kultusministerium von Niedersachsen, früher war er Bildungsreferent im Landesjugendring. Er rät jungen Menschen sich politisch zu engagieren, wenn sie mit konkreten politischen Zuständen oder gesellschaftlichen Entwicklungen nicht einverstanden sind. Verändern kann man Dinge immer nur, wenn man sich selber engagiert. Das kann man auch außerhalb von Parteien tun, die seiner Meinung nach ohnehin nur einen kleinen Teil der Bevölkerung repräsentieren.


Am Nachmittag und Abend wurde es dann in einem Planspiel praktisch. Die Teilnehmenden wurden zu Mitgliedern eines Jugendhilfeausschusses, der zu entscheiden hatte ob die Ganztagsbetreuung an einer Grundschule von der Schule selbst übernommen werden soll oder von einem Verbund zweier freier Träger. Jetzt galt es hinter den Kulissen Strategien zu entwickeln, Gespräche zu führen und Verbündete zu suchen für die eigene Position.


Das Seminar endete mit einer gottesdienstlichen Andacht. In Jesaja 7 wird König Ahas in der prekären Situation des syrisch-ephraimitischen Krieges aufgefordert zu glauben und auf die Hilfe Gottes zu vertrauen. Er entscheidet sich aber für eine Bündnispolitik mit Assyrien gegen die beiden Feinde im Norden, was ihn später teuer zu stehen kommt.


Dazu wurden besonders zwei Fragen diskutiert: Welche Bedeutung kann der Glaube im politischen Alltagsgeschäft haben? Was können besonders PolitikerInnen, die sich als gläubige Christen bezeichnen, in die Politik einbringen?


Sigrid Müller und Friedemann Kretzer


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